«FÜR MICH BEDEUTET WIDERSTAND, GESCHICHTEN LEBENDIG ZU HALTEN.»

Ali Chahrour ist ein wiederkehrender Gast am Zürcher Theater Spektakel. Der libanesische Choreograf präsentierte 2019 sein Stück «Layl (night)» auf der Seebühne und wurde 2022 für «The Love Behind My Eyes» mit dem ZKB Förderpreis ausgezeichnet. Beirut ist der Mittelpunkt seines Lebens und seiner Arbeit. Die sich ständig verändernde Stadt und ihre Menschen inspirieren das Schaffen von Ali Chahrour massgeblich. Basierend auf den persönlichen Geschichten und Körperarchiven verschiedener – professioneller und nicht-professioneller – Performer*innen, erkunden die einfühlsamen Werke des Künstlers emotionale Landschaften von Verlust, Sehnsüchten und Hoffnung. Trotz politischer und wirtschaftlicher Krisen, der Covid-19-Pandemie, der Explosion im Hafen von Beirut sowie militärischer Angriffe auf die zivile Infrastruktur, Massenvertreibung und -emigration haben Ali Chahrour und sein Team ihre künstlerische Arbeit in den letzten Jahren fortgesetzt und darin auch ihre Erfahrungen gemeinsam verarbeitet. Dramaturgin und Kuratorin Maria Rößler hat zu Beginn des neuen Jahres mit Ali Chahrour gesprochen.

Ali, danke, dass du dir gleich zum Jahresbeginn die Zeit für dieses Gespräch nimmst.
Es ist mir eine Freude.
Für deine jüngste Bühnenproduktion «Iza Hawa» hast du eine atemberaubende Performance choreografiert, die die Liebesgeschichte von zwei legendären Theaterschaffenden – Hanane Hajj-Ali und Roger Assaf – erzählt. Sie haben in den turbulentesten Zeiten in Beirut gelebt und gearbeitet. Dein Stück ist auch eine Hommage an die geschundene Stadt selbst. Was hat dich zu «Iza Hawa» (Arabisch für «fallen» oder «sich verlieben») inspiriert? Und wie war der künstlerische Prozess für dich und die Protagonist*innen des Stücks?
Ich habe mit der Frage begonnen: Was bedeutet es, in einer Stadt alt zu werden, die sich ständig im Zusammenbruch befindet? Ich dachte an meine Mutter, an die Eltern meiner Freund*innen und an die Menschen, die in diesem Land so viel durchgemacht haben, wo die Krisen immer schlimmer werden. Ihr ganzes Leben lang haben sie gearbeitet und versucht, sich etwas Sicherheit aufzubauen, nur um im Alter festzustellen, dass nichts mehr übrig ist...
Hanane und Roger waren meine Lehrenden, als ich an der Libanesischen Universität Theater studierte. Ich kenne ihre Bücher, ihre Theateransätze und ihre Stücke. Aber darüber hinaus berührt mich ihre Beziehung zutiefst – die Fürsorge und Liebe, die sie einander schenken. Deshalb habe ich sie eingeladen, gemeinsam eine Performance zu entwickeln.
Menschen wie Hanane und Roger haben so viel für dieses Land gegeben. Die Frage ist: Was gibt das Land ihnen im Gegenzug für all ihre Arbeit? Während wir an dieser Performance arbeiteten, konnten wir bei den Banken nicht auf unser Geld zugreifen, es gab einen Mangel an Medikamenten, und das Gesundheitssystem war praktisch nicht existent. Die Stromversorgung ist unzuverlässig, und es gibt nicht genug Treibstoff. Letztlich mussten Hanane und Roger – der über 80 Jahre alt ist – das Land verlassen, weil es hier noch immer weder medizinische noch wirtschaftliche Sicherheit gibt. Für mich fühlt es sich an, als ob mit Rogers Weggang ein Pfeiler des Landes verloren gegangen ist. Er hat sein ganzes Leben im Libanon verbracht. Ich erinnere mich an einen sehr emotionalen Moment, als ich Roger traf und er überlegte, Beirut zu verlassen. Er sagte einfach: «In meinem Alter überlebe ich keinen weiteren Winter in Beirut.»
Die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse können im Libanon nicht erfüllt werden. So klischeehaft es auch klingen mag: das Einzige, was uns noch bleibt, ist die Liebe. Was uns zusammenhält, uns die Kraft gibt, unsere Arbeit fortzusetzen, einander zu helfen und diesen Herausforderungen zu begegnen, sind die kleinen, schönen Begegnungen, die wir miteinander teilen, und die Liebe, die wir füreinander empfinden. Das war die Grundlage von «Iza Hawa».

Du hast deine letzten Werke überwiegend in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern koproduziert. Dennoch feierst du immer in Beirut Premiere, bevor du deine Stücke dem Publikum im Ausland zeigst. Warum ist dir das wichtig? Und was bedeutet es, in Beirut Theater zu produzieren und aufzuführen?
Ja, all meine Arbeit ist inspiriert von Geschichten aus dem Libanon – Geschichten, die ungehört bleiben, verborgen in den Häusern und Gassen von Beirut. Es ist, als würden wir durch die intimsten, persönlichsten Erzählungen die Geschichte dieses Landes neu schreiben. Diese Erzählungen offenbaren so viel über die lokalen Verhältnisse, die weit über politische Statements oder Nachrichtenberichte hinausgeht. Man kann diesen Ort durch die Geschichte einer Mutter und ihres Sohnes oder die Geschichte von Hanane und Roger viel besser verstehen. Das bedeutet mir unglaublich viel. Meine Arbeit ist hier tief verwurzelt, und ich denke, sie ist erst dann fertig oder vollständig, wenn sie das lokale Publikum erreicht. Sie fordert deren politische Ansichten, ihre gesellschaftlichen Umstände und ihre Tabus heraus. Wenn ich ein Stück entwickle, interessiert mich vor allem, wie meine Mutter, unsere Nachbar*innen und die Menschen im Libanon darauf reagieren.
In Beirut zu produzieren und zu spielen ist immer ein Kampf. Es gibt keine Proberäume, und die Mieten für Theater sind unerschwinglich teuer. Zusätzlich zur Miete muss man Treibstoff für die Stromgeneratoren mitbringen, um die Beleuchtung zu gewährleisten. Es gibt viele logistische Herausforderungen, aber ich glaube, dass es das wert ist. Theater ist im Libanon der einzige Ort, an dem Menschen noch zusammenkommen, um einen gemeinsamen, lebendigen Moment miteinander zu teilen. Hier kann das Publikum seine Überzeugungen, seine politischen Ansichten und seine Beziehung zur Gesellschaft reflektieren. Deshalb fühle ich mich verpflichtet, im Libanon Kunst zu machen. Meine Form des Widerstands ist es, Kunst zu schaffen – und zwar genau hier.
Die Menschen im Libanon sind seit Jahrzehnten mit zahlreichen Krisen und existenziellen Problemen konfrontiert, weshalb viele das Land verlassen. Das muss bedeuten, dass sich auch die lokale Kunstszene und das Publikum verändern. Wie findest du dein Publikum in einer Stadt, die sich so stark wandelt?
Definitiv. Viele der Menschen, die vor fünf Jahren unsere Aufführungen besucht haben, sind heute nicht mehr im Land. Sie haben während der Wirtschaftskrise das Land verlassen. Viele unserer Freund*innen, Künstler*innen und Menschen, denen Kunst und Kultur am Herzen liegen, sind nicht mehr hier. Es ist unmöglich, im Libanon ein stabiles Publikum aufzubauen.
Gleichzeitig glaube ich, dass den Menschen Theater immer noch wichtig ist. Selbst während des letzten Krieges im Libanon fanden Theateraufführungen statt, und das Publikum kam, um sie zu sehen – das sagt etwas aus. Es gibt ein echtes Bedürfnis nach Theater.
Kunst zu schaffen und sich dem Theater oder Tanz zu widmen, ist im Libanon ein äusserst unsicherer Weg. Aber ich bin überzeugt, dass die Künstler*innen die Hoffnung dieses Landes sind. Wenn sie gehen, fühlt es sich an, als würde Beirut seine Seele verlieren; als würde der Stadt das Herz fehlen.

Letztes Jahr zerstörten die schweren israelischen Bombardierungen einen Grossteil der zivilen Infrastruktur im Libanon, einschliesslich Beirut, wodurch viele Menschen ihr Zuhause verloren. Der Krieg hatte verheerende Auswirkungen auf die Bevölkerung. Seit einigen Wochen herrscht nun Waffenstillstand. Was bedeuteten die militärischen Angriffe für die Kunst und die Gemeinschaft der Künstler*innen, die noch im Libanon leben? Wie nimmst du jetzt den Alltag in Beirut wahr?
Persönlich habe ich das Gefühl, dass ich nach dem Krieg im letzten Jahr nicht mehr derselbe Mensch bin. Ich habe so etwas noch nie erlebt oder durchgemacht. Ich hatte noch nie solche Angst, einzuschlafen oder aufzuwachen und festzustellen, dass mein Zuhause oder das Haus meiner Familie zerstört wurde oder dass jemand, der mir nahesteht, durch einen Bombenangriff gestorben ist.
Ich stelle mir deshalb diese existentielle Frage: Was haben wir als Künstler*innen jetzt zu sagen? Was können wir mit unseren Körpern ausdrücken? Es fällt mir noch immer schwer, Worte dafür zu finden – wie ich das beschreiben soll, was wir während dieses Krieges erlebt haben. Nachdem ich gesehen habe, wie ganze Gebäude innerhalb von Sekunden einstürzten, wie 1,4 Millionen Libanes*innen ihre Häuser verloren und schutzlos auf den Strassen oder am Meer sassen. Der Süden des Libanon wurde vollständig niedergebrannt. Unsere Familienmitglieder, Freund*innen und Kolleg*innen starben, und einige Körper befinden sich noch immer unter den Trümmern. Es ist erschütternd, und ich weiss nicht, wie Kunst auf einen Krieg reagieren kann. Ich musste all meine Vorstellungen überdenken, meine Emotionen neu ordnen und mich fragen: Was habe ich nach alldem zu sagen?
Ich habe für mich erkannt, dass es keine Gerechtigkeit in der Welt gibt. Und ich denke, dass besonders seit dem 7. Oktober sehr deutlich geworden ist, dass es keine Gerechtigkeit geben kann. Es wird keine Gerechtigkeit für all die Menschen geben, die im Krieg gestorben sind, und auch keine für all die Angst, die wir durchlebt haben.
Wir mussten kritische Entscheidungen treffen, um geerdet zu bleiben, um die Werkzeuge und Ressourcen, die wir als Künstler*innen haben, zu nutzen – Kunst zu schaffen und gleichzeitig anderen zu helfen. Für mich bedeutet Widerstand momentan, Geschichten lebendig zu halten, indem man sie erzählt und ihnen Gehör verschafft. Vielleicht kann eine Art Gerechtigkeit geschaffen werden, indem man die Geschichten derjenigen erzählt, die diese katastrophalen Ereignisse durchleben.

Du tourst international mit deiner Arbeit und hast dies auch während des Krieges im letzten Jahr fortgesetzt, trotz der damit verbundenen Risiken. Wie fühlt es sich an, unter solchen Umständen zwischen den unterschiedlichen Realitäten verschiedener Länder und Kontinente zu navigieren?
Das Verlassen des Libanons während des Krieges war eine der überwältigendsten Erfahrungen meines Lebens. Ich liess meine Familie zurück, ohne zu wissen, wann oder ob ich überhaupt zurückkehren würde. Es fühlte sich surreal an, als ich im November für ein Gastspiel nach Paris flog. Der Flughafen war bombardiert worden, und überall war Rauch, als ich das Flugzeug bestieg. Wir wussten nicht, ob das Flugzeug tatsächlich abheben würde. In Paris angekommen, verbrachte ich die ersten beiden Tage hauptsächlich in meinem Hotelzimmer. Draussen schien das Leben ganz normal weiterzugehen – die Menschen waren fröhlich, feierten, tranken, und die Restaurants waren voll. Das Publikum klatschte und jubelte, als wäre nichts gewesen. Aber zu Hause brach alles zusammen. Ich verfolgte andauernd die Nachrichten, es war so seltsam. Ich hatte Schwierigkeiten, mit der Empathie, die mir die Menschen entgegenbrachten, umzugehen. Ich konnte nicht über meine Gefühle sprechen – ich wäre in Tränen ausgebrochen. Emotional war ich völlig überfordert.
Ich war erschrocken darüber, wie entfremdet die Welt von uns, von dieser Region, ist. Es erschreckte mich, wie die Menschen in Europa ihr Leben einfach so weiterlebten. Ja, sie haben das Recht, glücklich zu sein. Aber wir sterben, und trotzdem sind wir hier, um für sie zu spielen. Das zu erleben, zu sehen, wie viel verleugnet und verdrängt wird, wie sehr die Welt – besonders Europa – von unserer Realität entkoppelt ist, war schmerzhaft.
Wir wehren uns dagegen, dass unsere Arbeit auf einen Punkt auf einer Check-Liste reduziert wird, wie: «Hier haben wir eine Aufführung aus dem Libanon, aus der arabischen Welt. Erledigt.» Dennoch hatten mein Team und ich zwei Wahlmöglichkeiten: entweder wir hören auf zu arbeiten, bleiben zu Hause und lassen unsere Stimmen verstummen, oder wir machen weiter, bleiben präsent und drücken uns aus, indem wir unsere Kunst mit der Welt teilen. Wir bestehen darauf, in der Welt sichtbar zu sein und zu sagen, was wir sagen müssen, und zwar so, wie wir es sagen wollen.

Trotz all dem hast du inzwischen begonnen, an einem neuen Projekt zu arbeiten. Was kannst du uns darüber verraten?
«When I Saw the Sea» ist ein Projekt, das ich schon lange im Kopf habe. Es dreht sich um migrantische Hausangestellte, die durch das Kafala-System in den Libanon kommen, einem System, das moderne Sklaverei ermöglicht. Diese Menschen – meist Frauen – kommen in den Libanon, um ihre Familien zu unterstützen, aber oft endet das in einem Albtraum von Ausbeutung und Gewalt. Sie werden zu Sklavinnen libanesischer Familien, denn ihre Rechte sind nicht geschützt. Vielen widerfahren problematische Arbeits- und Lebensbedingungen, rassistische Diskriminierung und gewalttätiger Missbrauch, einschliesslich Vergewaltigung, während die meisten Verbrechen, die gegen Migrant*innen begangen werden, nie richtig verfolgt oder bestraft werden.
Es ist für mich paradox, wie Menschen im Libanon, die Kriege und Krisen überlebt haben und selbst Opfer von Gewalt geworden sind, so grausam gegenüber verletzlichen Menschen sein können, die in ihren Häusern arbeiten und sich um sie kümmern. Wenn ich eine Migrantin auf der Strasse sehe, frage ich mich immer, was sie wohl gerade durchmacht. Für mich hat das auch eine persönliche Dimension: Mein Bruder und meine Schwester sind als Migrant*innen nach Europa gegangen und haben selbst lange Geschichten von unsicheren Jobverhältnissen durchlebt, um Geld zu verdienen und unsere Familie im Libanon zu unterstützen. Ich denke über meine eigene Familie nach und frage mich, wie ich mich fühlen würde, wenn mein Bruder und meine Schwester unter ähnlichen Umständen leben müssten.
Während des Krieges wurden viele Migrantinnen, die als Hausangestellte im Libanon arbeiteten – Frauen aus Ländern wie Sierra Leone, Kamerun, Senegal und Äthiopien – zurückgelassen, als ihre libanesischen Arbeitgeber*innen nach Dubai oder Europa flohen. Diese Arbeiterinnen wurden entweder in den Häusern eingesperrt oder plötzlich auf der Strasse oder am Meer ausgesetzt. Sie wurden dort ohne Pässe, Geld oder Essen zurückgelassen, während die Stadt hinter ihnen brannte. In diesen Momenten sahen einige von ihnen zum ersten Mal das Meer.
In Kriegszeiten wissen wir, wie viele Libanes*innen sterben, aber wir werden nie erfahren, wie viele Migrant*innen ihr Leben verloren haben. Wir wissen nicht, was mit den Frauen passiert ist, die in Häusern eingesperrt waren, die bombardiert wurden. Einige ihrer Leichen liegen noch immer in den Kühlkammern der Krankenhäuser, weil niemand für ihre Beerdigung bezahlt oder dafür sorgt, dass ihre Körper zu ihren Familien überführt werden. Wir werden ihre Geschichten nie erfahren. Und für diejenigen, die überleben: Wie ging es ihnen während der Krisen im Libanon? Wie haben sie den Krieg erlebt? Was denken sie? Was fühlen sie?
Während des Krieges begannen wir unsere Recherche. Wir trafen viele Migrant*innen und führten Interviews mit ihnen. Manchmal mussten wir ein Gespräch unterbrechen und in Deckung gehen, wenn in der Nähe eine Bombe einschlug. Wir haben oft aufgehört und wieder angefangen. Ausserdem kontaktierten wir NGOs, die Dokumente von Ermittlungen zu Verbrechen gegen Migrant*innen sammeln. Es gibt so viele Geschichten in diesem vielschichtigen Projekt.
Einige der Frauen, die wir getroffen haben, sind inzwischen Aktivistinnen für die Rechte der Migrant*innen. Sie haben das Kafala-System überlebt, entschieden sich jedoch, im Libanon zu bleiben, um ihre Gemeinschaft zu unterstützen. Wir arbeiten derzeit mit drei Aktivistinnen aus dieser Gruppe zusammen: sie werden an einer Performance mitwirken, die auf gesammelten Geschichten und Zeug*innenberichten beruht.
Es erfordert viel Mut, sich öffentlich zu äussern und Widerstand gegen solche Ungerechtigkeit zu leisten. Es ist auch eine große künstlerische und gesellschaftliche Verantwortung, das Vermächtnis dieser zutiefst herausfordernden persönlichen Geschichten zu ehren und weiterzutragen. Vielen Dank, dass du uns davon erzählt hast. Ich wünsche euch alles Gute für die Proben und die Premiere in Beirut!
Danke.
Credits
Interview: Maria Rößler
Portraitfotos: Lea Skayem
Fotos «Iza Hawa»: Carl Halal, Agnès Mellon