Kunst löst keine politischen Probleme, aber sie verändert, wie wir miteinander umgehen
Der Schauspieler, Autor und Regisseur Nabil Al-Raee war viele Jahre lang künstlerischer Leiter des Freedom Theater, einem Theater- und Kulturzentrum im Flüchtlingslager Jenin im Westjordanland. Seit 2006 entstehen hier professionelle Produktionen, die international auf Tournee gehen, und im Lager sowie der Umgebung werden Workshops und Fortbildungen angeboten. Weltbekannt wurde das Theater durch den niederländisch-israelischen Dokumentarfilm «Arna’s Children». Heute ist es vom israelischen Militär besetzt. In seinem dokumentarischen Solo «Trapped in Hope», das im Rahmen des kommenden Theater Spektakels im August gezeigt wird, erzählt Nabil Al-Raee seine eigene Geschichte – ein Beispiel für viele palästinensische Biografien.
Kannst du dich als Erstes in ein paar Sätzen kurz vorstellen?
Nabil Mein Name ist Nabil Al-Raee. Ich bin Palästinenser und ich wurde im Flüchtlingslager Al-Aroub geboren. Eigentlich hätte ich im Dorf meiner Familie geboren werden sollen, doch sie wurde 1948 vertrieben. Das ist seit jeher mein Ausgangspunkt. Ich bin Künstler – Schauspieler, Autor und Regisseur – und meine Kunst ist mein Widerstand.
Du lebst im Westjordanland. Wie ist die Lage in deiner Stadt heute? Wie sieht der Alltag für dich und deine Familie aus?
Nabil Die Lage ist sehr schwierig und sie verschlechtert sich von Tag zu Tag. Überall gibt es Kontrollpunkte, die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt. Gewalt gehört zum Alltag. Gleichzeitig versuchen wir, weiterzumachen. Wir versuchen, kreativ zu sein, uns zu treffen, zu proben – auch wenn das nicht immer möglich ist. Theater wird zerbrechlicher, aber auch notwendiger. Es ist ein Weg, menschlich zu bleiben und unsere Geschichten weiterzuerzählen.
Ich verstehe, dass du nach heute fragst, aber ehrlich gesagt kann ich das Heute nicht vom Gestern oder Morgen trennen. Wir sprechen von einer Besatzung, die seit 78 Jahren andauert und weiterhin jeden Atemzug, jede Bewegung, jeden Gedanken beherrscht. Die Besatzung kontrolliert unser Leben, schränkt alle Möglichkeiten der Hoffnung ein und beschlagnahmt unser Land, unsere Zukunft und unsere Zeit.
Diese Realität müssen wir ablehnen und weiter Widerstand leisten, trotz des hohen Preises, den wir jeden Tag zahlen: den Verlust von Menschen, die wir lieben, unserer Familien, Söhne, Mütter, Schwestern, Brüder, aller.
Ein konkretes Beispiel: Letzte Woche war mein 13-jähriger Neffe draussen auf der Strasse. Da waren Soldaten und er beschimpfte sie. Ein Soldat stieg aus dem Jeep und sagte: «Kannst du das wiederholen?» Er tat es, und der Soldat schoss ihm ins Bein. Dabei hätte er fast sein Bein verloren. Als er aus dem Krankenhaus zurückgekommen war, stand am nächsten Tag die Armee vor der Tür, schickte seine Familie hinaus, damit er allein war. Sie schlugen ihn, verletzten sein bereits verletztes Bein und drohten, ihn zu verhaften. Dies taten sie auch: Am nächsten Tag kamen sie wieder, verhafteten ihn und verletzten sein Bein erneut. Jetzt ist er zu Hause, steht unter Schock und hat Albträume.
Welche Rolle spielt das Theater in dieser Realität? Und kannst du immer noch Theater produzieren und unterrichten?
Nabil Ich mache Theater, seit ich denken kann. Das Kunststudium hat mich als Mensch und meine Gedanken gerettet. Zugleich hat es hat mir die Möglichkeit und die Verantwortung gegeben, über die palästinensische Realität zu sprechen. Im letzten Jahr wurden über 36.000 Menschen vertrieben, und das Freedom Theater war Teil davon. Es wurde beschlagnahmt und in eine Militärbasis umfunktioniert. Aber das Freedom Theater ist weiterhin aktiv in Jenin City, an einem anderen Ort, den wir vorher als Theaterschule genutzt haben. Dort werden nun, so gut es geht, kleinere und grössere Stücke aufgeführt, und es dient weiterhin der Gemeinschaft.
Du hast mir einmal gesagt, dass das Freedom Theater mehr als nur ein Gebäude ist – dass es eine Idee ist. Wofür steht das Freedom Theater heute, auch wenn es nicht mehr in Betrieb ist?
Nabil Beim Freedom Theater ging es schon immer um mehr als nur einen Raum. Es geht um eine Denk-, eine Arbeitsweise und den Glauben an die Kraft der Kunst. Auch wenn das Gebäude geschlossen ist, lebt die Idee weiter. Sie lebt in den Menschen, die Teil davon waren, in den Künstler*innen, in den Schüler*innen, in der Gemeinschaft. Sie steht für Widerstand durch Kultur, für Bildung und dafür, Menschen eine Stimme zu geben.
Ich glaube, die Idee ist grösser: eine Idee von Freiheit und Frieden. Sie ist kraftvoll und reist um die Welt. Wir machen Theater, wann immer wir können – auf der Strasse, zu Hause, in verschiedenen Formen. Das Geschichtenerzählen wird zu einer Form der Unterstützung. Wir unterrichten Kinder, Jugendliche und Erwachsene, und diese Arbeit breitet sich weiter in der Welt aus. Und wir werden damit so lange wie möglich weitermachen.
Für mich ist es das Wichtigste, die Botschaft zu verbreiten, die Idee am Leben zu halten, einen Raum zu bewahren – durch Worte, durch Unterricht – und den Menschen zu ermöglichen, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Und auch, jungen Menschen eine Alternative zur Gewalt zu bieten.
In Zürich zeigst du eine dokumentarische Solo-Performance über historische Narrative und Sprache als politische Werkzeuge. Sie heisst «Trapped in Hope» (dt.: gefangen in Hoffnung). Kannst du uns mehr über diesen Widerspruch erzählen und darüber, was Hoffnung für dich bedeutet?
Nabil Hoffnung ist für uns ein sehr komplexes Thema. Einerseits ist sie das, was uns weitermachen lässt. Ohne Hoffnung wäre es unmöglich, in dieser Situation zu leben. Andererseits kann Hoffnung aber auch zu einer Falle werden. Sie kann einen dazu bringen, zu warten und zu glauben, dass sich etwas ändern wird, während sich in Wirklichkeit nichts ändert. Wir befinden uns also ständig zwischen diesen beiden Zuständen – wir brauchen Hoffnung, hinterfragen sie aber auch.
Als wir begannen, mit Miguel Oyarzun and Juan Ayala an diesem Stück zu arbeiten, sagte ich ihnen, dass ich mich «in der Hoffnung gefangen» fühlte. Sie griffen das auf und fragten mich weiter, was ich damit meine. Meine Hoffnung, dass Palästina irgendwann frei sein wird, ist echt. Ich habe immer geglaubt, dass die Ergebnisse unserer Arbeit in Kunst und Theater vielleicht klein, aber sehr wertvoll sein könnten. Wir müssen geduldig sein, durchhalten und träumen. Jeder von Ungerechtigkeit geprägte Weg ist lang und lehrt uns Geduld und Stärke unter unbequemen und oft unerträglichen Umständen.
Palästina ist eine grosse Geschichte, und meine Biografie ist eine kleine Geschichte darin, eine unter Millionen, die für andere oft schwer vorstellbar sind. Zum Beispiel eine Zugfahrt: Wenn ein Zug plötzlich fünf Stunden anhält, fragt man sich warum. Wäre es ein technisches Problem, wäre es akzeptabel. Aber wenn es daran liegt, dass Ungerechtigkeit Ihre Bewegungsfreiheit einschränkt, dann fangen Sie an zu fragen: Was soll ich tun? Wie leiste ich Widerstand?
Im Stück ist die Kunst ein Ort des Widerstands. Was bedeutet Kunst im Allgemeinen – und das Theater im Besonderen – für dich persönlich?
Nabil Kunst ist eine Form des Widerstands. Sie ermöglicht es uns, uns auszudrücken, unsere Geschichten zu erzählen und vorherrschende Narrative in Frage zu stellen. Das Theater schafft einen Raum, in dem Menschen zusammenkommen, zuhören und nachdenken können. Es geht um Verbundenheit und darum, Erfahrungen zu teilen.
Ich bin ehrlich: Kunst ist meine Rettung. Sie hat mich am Leben gehalten. Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, nicht nur mich selbst, sondern auch mein Volk zu präsentieren. Ohne Kunst weiss ich nicht, wo ich heute wäre. Wahrscheinlich würde ich eine Waffe in der Hand halten oder wäre bereits tot.
Würdest du sagen, dass Theater eine Art Friedensarbeit sein kann?
Nabil Ja, Theater kann Räume für Dialog und Verständnis schaffen. Es ermöglicht den Menschen, einander mit anderen Augen zu sehen und Geschichten zu hören, die sie sonst vielleicht nicht hören würden. Es kann zwar keine politischen Probleme lösen, aber es kann verändern, wie wir miteinander umgehen – und das ist wichtig.
Wie verlief die gemeinsame Entwicklung dieses Stücks mit dem Kollektiv unavezenlavida?
Nabil Es war ein wunderbarer Prozess – eine Reise der Selbsterkenntnis für uns alle. Wir haben immerwieder innegehalten und uns gefragt, warum wir das eigentlich tun. Wir hatten viele Fragen. Es war und ist immer noch ein fortlaufender Dialog. Miguel und Juan hatten nicht immer alle Informationen über die Situation, also habe ich versucht, ehrlich zu sein und es ihnen zu erklären. Manchmal kam ich ihnen radikal oder hart vor, aber ich musste ihnen meine Realität verständlich machen.
Unsere Beziehung hat sich durch einen Prozess des Zuhörens entwickelt. Das Stück spiegelt gewissermassen den Weg wider, den wir gemeinsam zurückgelegt haben. In anderen Interviews haben Miguel und Juan erklärt, wie das Stück, das für ein internationales Publikum konzipiert wurde, versucht, diesen Weg widerzuspiegeln: wie sie ihre vorgefasste Meinungen und Vorurteile gegenüber der arabischen Welt und Palästina enttarnt haben.
Einige Texte entstanden aus dem, was ich mit ihnen geteilt habe, andere aus Improvisationen, wieder andere aus Recherchen; sie brachten Texte mit, um sie auszuprobieren, und umgekehrt. Es war ein sehr natürlicher Prozess. Es ist unglaublich, wie wir, obwohl wir aus sehr unterschiedlichen Realitäten stammen, viele theatralische Referenzen und eine gemeinsame Vision von Theater teilen.
Letztendlich war es eine Zusammenarbeit zwischen sehr unterschiedlichen Perspektiven, einer europäischen und einer palästinensischen.
Nabil Miguel und Juan waren sehr offen und geduldig. Sie hörten aufmerksam zu und dokumentierten alles. Wir gingen alles immer wieder durch. Wir erstellten viele Storyboards, verwarfen sie wieder und überarbeiteten sie, bis wir eine Struktur gefunden hatten.
Das Stück ist real. Wir haben nichts erfunden. Wir haben mit historischen Fakten, Daten und auch meiner persönlichen Geschichte gearbeitet. Es ist ein Stück des dokumentarischen Theaters, ein Dialog und eine Interaktion mit dem Publikum – Momente, in denen das Publikum vielleicht sogar anfängt, an dem zu zweifeln, was es bisher geglaubt hat.
Mit diesem Stück möchten wir das Publikum dazu anregen, einen kritischen Blick auf sein eigenes Wissen und auf die Erzählungen zu werfen, die es vielleicht für wahr gehalten hat. Es ist eine Einladung, das Theater zu verlassen und selbst nachzuforschen, um bisherige Vorurteile zu hinterfragen. Dazu stellen wir die Frage, wie diese Erzählungen entstehen.
Was erhoffst du dir von der Begegnung mit unserem Publikum hier in Zürich?
Nabil Ich freue mich sehr darauf, hierherzukommen und das Stück zu präsentieren, und dem Publikum in Zürich mein Herz zu öffnen – auch denen, die nicht meiner Meinung sind. Ich möchte sie verstehen, und ich möchte, dass sie mich verstehen.
Meinungsverschiedenheiten sind erlaubt. Vielleicht können wir uns über Kunst einigen.
Ich bringe ein Theaterstück mit, keinen Panzer. Ich möchte einen Raum für Diskussionen schaffen. Kunst ist ein wirkungsvoller Weg, um Fragen zu stellen – und hoffentlich gemeinsam Antworten zu finden.
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Credits
Interview: Lea Loeb
Das Gespräch fand auf Englisch statt.
Übersetzung auf Deutsch: Philine Erni
Fotos: «Trapped in Hope» © Laura Ortega