Ich liebe es, mich auf das Ungleichgewicht einzulassen und zu spielen
Die Multimedia-Künstlerin Vimala Pons arbeitet als Performerin, Regisseurin, Musikerin und Zirkuskünstlerin. Ihr Leben bewegt sich zwischen Extremen: Sie präsentierte einen Film bei den Filmfestspielen von Cannes und trat nur einen Tag später in einem Gefängnis in Marseille auf. Eine enorme emotionale und räumliche Diskrepanz, die ihr Bodenhaftung verleiht und zugleich eine ständige Herausforderung darstellt, das Gleichgewicht zu bewahren. In ihrer Arbeit erforscht sie Zustände des Gleichgewichts und des Ungleichgewichts in Bezug auf Körper, Sprache und Emotionen – Themen, die auch die diesjährige visuelle Kampagne sowie die Produktion Honda Romance im Schiffbau prägen.
Du hast im Zirkus, im Film, in der Musik und im Theater gearbeitet. Gab es einen Moment, in dem du dich bewusst dagegen entschieden hast, dich auf nur eine Disziplin festzulegen?
Vimala Manche Künstler*innen haben ein oder zwei Obsessionen, ein oder zwei Ideen, und wir verbringen unser Leben damit, sie weiterzuentwickeln und zu verstehen, warum wir diese Obsessionen haben. Ich bin besessen vom Ungleichgewicht; sei es in körperlicher oder emotionaler Form. In meiner Arbeit versuche ich immer, Ungleichgewicht auf unterschiedliche Weise auszudrücken. Als Schauspielerin und Performerin tauche ich gern in andere Welten und andere künstlerische Universen ein – besonders durch Filmemacher*innen und andere Künstler*innen. Das nährt meine Arbeit sehr.
Ich mag diese Art von Vielseitigkeit. Die Fähigkeit, zwischen Formen, Stimmungen und emotionalen Zuständen zu wechseln. Für mich trägt all das dazu bei, eine fortlaufende Suche zu vertiefen – eine Reflexion über emotionales Ungleichgewicht als Performerin.
In der diesjährigen Kampagne balancierst du auf grossen Objekten oder wirst von ihnen erdrückt, was auch an den Anfang deines Stücks Honda Romance anknüpft. Beginnen wir mit dem Eröffnungsbild, das du dort geschaffen hast.
Vimala Ich wollte Depression darstellen: meinen Körper zerdrückt unter einem Satelliten. Für mich ist das wie eine zeitgenössische Kreuzigung – Druckachsen, die von den invasiven Technologien ausgehen, die uns heute umgeben, sogar aus dem Weltraum.
Schon immer hat mich fasziniert, wie grosse Marken Emotionen und Vorstellungskraft mit industriellen Objekten verbinden – zum Beispiel der Honda Jazz. Der Satellit, den ich gemeinsam mit Charlotte Wallet gebaut habe, folgt genau dieser Logik: Er wird zu einem Erzähler, zu einer Präsenz, die von oben auf uns blickt, uns ständig beobachtet und kommentiert.
Weil wir in einer Zeit leben, die sich oft instabil anfühlt – politisch, technologisch und emotional.
Vimala Wir leben heute mit dem ständigen Gefühl, überwacht zu werden, fast so, als schwebten Satelliten über uns – sowohl emotional als auch physisch. Das knüpft daran an, was Naomi Klein als «Schock-Strategie» bezeichnet hat: die Praxis von Konzernen und Regierungen, massive Krisen – wie Naturkatastrophen, Kriege oder Pandemien – auszunutzen, um unpopuläre, privatisierte und marktorientierte Politiken durchzusetzen. Angst und Emotionen werden strukturiert, produziert und verbreitet. Das ist natürlich nicht völlig neu. Es knüpft an ältere Kontrollsysteme an – Kreuzzüge, religiöse Strukturen, insbesondere in ihren gewaltsamsten Formen. Ich sage nicht, dass alles identisch ist, aber die Mechanismen sind verwandt.
Ich begann mich für eine Art christlicher Bildsprache zu interessieren: eine Person, die sich emotional auf der Bühne opfert, auf dem Altar der Performance, während sie zugleich von genau den Systemen erdrückt wird, die uns heute umgeben.
In Honda Romance hebt sich die Schwere der Depression.
Vimala Das Bild ist grausam und daher auch irgendwie komisch. Depression auszudrücken bedeutet für mich nicht, Traurigkeit abzubilden, sondern eine Form emotionalen Taumels, eines Ungleichgewichts.
Ich wollte darüber auch lachen können — denn die Vorstellung eines Satelliten, der auf jemanden stürzt, hat etwas grotesk Komisches. Zugleich geht es um Selbstermächtigung und um die Möglichkeit, sich unter einer überwältigenden Last wieder zu erheben.
Was war der Auslöser für Honda Romance?
Vimala Ich begann, dieses Stück in einem psychiatrischen Kontext zu schreiben, in einem Kunstzentrum, das sich in einem Krankenhaus befand. Dieser Rahmen war entscheidend. Er stellte Emotionen in den Mittelpunkt des Werks – nicht als Abstraktion, sondern als gelebte Instabilität, als etwas, das den Alltag prägt, insbesondere an einem Ort, der von Pflege und Betreuung geprägt ist.
Es ging mir nicht darum, Workshops zu geben oder Patient*innen auftreten zu lassen. Entscheidend war für mich, meine Arbeit zu zeigen und daraus ein Gespräch entstehen zu lassen. Vor ihnen aufzutreten, so wie ich vor einem Publikum im Odéon oder beim Zürcher Theater Spektakel auftreten würde.
Das war mir wichtig: dieses Stück Menschen zu bringen, die auf unterschiedliche Weise eingeschlossen sind. Denn letztlich sind wir alle auf gewisse Weise gefangen — in unseren Emotionen, in unseren inneren Zuständen.
Nachdem der Satellit angehoben wird, führt uns das Stück wie durch einen Instagram-Feed durch unterschiedliche emotionale Zustände. Was geschieht, wenn Emotionen in sozialen Medien und mithilfe von KI produziert und konsumiert werden?
Vimala Eine der Grenzen der KI liegt in der Emotion — zumindest, wenn man darunter gelebte Erfahrung versteht. Und doch habe ich, seit ich dieses Stück schreibe, erlebt, wie rasant sich die Dinge weiterentwickelt haben. Ich erinnere mich noch daran, wie vollkommen robotisch die ersten Versionen von ChatGPT klangen. Heute gibt es Stimmlagen und Nuancen, die einen wirklich bewegen können. Die KI empfindet vielleicht nichts, aber sie erzeugt emotionale Effekte — vor allem ein Gefühl von Trost. Und genau dieser Trost ist, denke ich, das, wonach Menschen suchen, wenn sie sie benutzen — manchmal sogar als Ersatz für Freund*innenschaft oder Therapie.
Honda Romance ist dein erstes Projekt für eine grosse Bühne und mit einem grossen Ensemble. Warum hast du dich auf eine so gross angelegte Produktion eingelassen?
Vimala Seit ungefähr zehn Jahren arbeite ich auf eine sehr solitäre Weise mit Musik: Ich schreibe zuerst den Text, bewege mich ständig zwischen Sprechen und Überarbeiten und verbringe viel Zeit damit, ein Stück allein zu entwickeln, bevor ich es auf eine Bühne bringe. So habe ich immer gearbeitet. Mit «Honda Romance» habe ich mich zum ersten Mal bewusst dafür entschieden, mich von dieser Methode zu entfernen und etwas völlig anderes auszuprobieren.
Warum hast du das geändert?
Vimala Ich wollte von Anfang an kollaborativ arbeiten; das Stück nicht allein in meinem Kopf tragen, sondern es gemeinsam mit den Performer*innen und über eine emotionale Partitur entwickeln. Mich interessiert es sehr, Menschen aus dem herauszulösen, was gewöhnlich von ihnen erwartet wird. Zum Beispiel mit meiner besten Freundin Rebeka Warrior zu arbeiten, die aus der Pop- und Techno-Musik kommt und zuvor noch nie für klassische Stimmen geschrieben hatte. Oder klassische Sänger*innen nicht nur singen zu lassen, sondern sie auch intensiv gehen, tanzen, spielen und sich auf viel umfassendere Weise körperlich mit der Bühne auseinandersetzen zu lassen. Diese Verwandlung, dieses Sich-Herausbewegen aus Gewohnheiten und Expertisen, stand für mich wirklich im Zentrum des Projekts.
Der gesamte Prozess war unglaublich reich und intensiv. Die Form der Aufführung hat mich ständig überrascht, weil sie auch für mich Neuland war. Gleichzeitig hat mich diese Arbeit aber auch etwas Wichtiges erkennen lassen: Vielleicht geht es als Künstler*in gar nicht darum, die eigene Methode ständig neu zu erfinden, sondern darum, eine eigene Form des Arbeitens zu finden und sie immer weiter zu vertiefen. Dieses Stück hat mir das sehr klar vor Augen geführt.
Wie hast du dieses Spektrum an Emotionen in Performance, Bilder, Musik und Dialoge übersetzt?
Vimala In manchen Momenten ist alles vollkommen real. Wenn ich weine, dann weine ich wirklich. Wenn ich etwas Schweres trage, dann ist es tatsächlich schwer. Darin liegt etwas Ermächtigendes — eine Art gemeinsame menschliche Kraft — und zugleich etwas, das einen vollkommen aufbricht.
Es geht darum, Emotionen zu übersetzen, die nicht meine eigenen sind, sich durch die inneren Welten anderer Menschen zu bewegen, durch andere Denkweisen. Ich habe versucht, mich Emotionen aus möglichst vielen unterschiedlichen Perspektiven zu nähern. Gleichzeitig wollte ich aber auch die Begegnung mit dem Text körperlich erfahrbar machen. Deshalb habe ich die Luftkanonen eingesetzt — sie destabilisieren mich.
Zuschauer*innen verlassen die Aufführung oft mit dem Gefühl, in einer Waschmaschine gewesen zu sein. Darüber freue ich mich, denn es bedeutet auch, dass sie sich mit diesem Sturm aus Gedanken und Emotionen, den wir ständig mit uns tragen, weniger allein fühlen. So seltsam es klingt: Oft glauben wir, allein zu sein, obwohl eigentlich alle denselben Scheiss durchmachen.
Also sollten wir uns weniger auf Kontrolle oder die Schaffung von Stabilität konzentrieren, sondern vielmehr darauf, wie wir mit dem Ungleichgewicht umgehen?
Vimala Im dritten Teil der Show bewege ich mich hin zu einer viel einfacheren Form des Ungleichgewichts: dem Gehen. Wie Laurie Anderson sagt: Mit jedem Schritt fällt man im Grunde – man fällt immer wieder nach vorne, aber man geht weiter. So wird Gehen zu einer Art, das Fallen zu lernen und sich dabei ständig selbst aufzufangen. Man geht weiter, und dieses Ungleichgewicht wird zu einer Art Tanz – für sich selbst und für andere.
Für mich ist das Singen eine Möglichkeit, die Show in einer Form der Sublimierung zu beenden – eine Art, Gefühle so zu verwandeln, dass man tatsächlich mit ihnen leben kann.
Eine Plakatkampagne ist eine zusätzliche Ausdrucksform. Was hast du aus der Arbeit an den diesjährigen Bildmotiven für dich mitgenommen?
Vimala Für diese Kampagne arbeitete ich mit dem Fotografen Maxime Ballesteros zusammen, und an unserer Zusammenarbeit ist etwas wirklich Interessantes. Normalerweise komme ich mit Objekten, mit sehr konkreten Vorstellungen davon, wie Dinge getragen oder gehalten werden sollen. Aber er bringt etwas anderes hinein: eine bestimmte Form von Erotik.
Erotik ist normalerweise nicht in meiner Arbeit präsent – oder zumindest dachte ich das bisher. Aber für mich hat Erotik nichts mit Perfektion oder Klischees zu tun. Sie entsteht in dem Moment, in dem etwas nachgibt – wenn es einen Fehler gibt, ein Ausrutschen, ein Ungleichgewicht. Etwas entgleitet. Und oft zeigt sie sich in sehr kleinen, beinahe banalen Details, also gerade dort, wo nicht alles kontrolliert ist.
Ich liebe es, zu kontrollieren und Stabilität zu schaffen, oder mich auf das Ungleichgewicht einzulassen und zu spielen.
Anfang dieses Jahres hast du für «L’Attachement» von Carine Tardieu einen César, den französischen Filmpreis, gewonnen. Du hast diesen Preis allem gewidmet, was in uns Freude bewahrt, und gesagt, wir würden Freude brauchen, um dem zu begegnen, was auf uns zukommt. Meine letzte Frage lautet daher: Was macht dir Freude?
Vimala Enthusiasmus. Selbst wenn es schwierig ist, selbst wenn es Kraft kostet. Das wird dann Mut genannt. Für mich liegt genau darin die Freude. Ich sehe sie überall. Eine Pflanze, die unter einem Stein wächst und sich durch einen Riss im Beton drängt – das ist Enthusiasmus. Und das ist Freude, weil es Energie erzeugt. Ich habe das bei der César-Verleihung gesagt – Freude ist Kraft.
Und ich glaube, dass toxische Systeme – ob in intimen Beziehungen, in der Geopolitik oder in Regierungen – zuerst die Freude angreifen. Denn wenn wir traurig sind, verlieren wir die Energie, Widerstand zu leisten, zu lachen, zu lieben.
Deshalb ist es für mich nicht unbedingt etwas Schlechtes, Gefühle zu «faken», um weitermachen zu können. Manchmal ist das eine Möglichkeit, den Kopf zu regulieren und Dinge zusammenzuhalten. In diesem Sinne kann vorgetäuschte Begeisterung eine Form von Mut sein.
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Credits
Interview: Philine Erni
Das Gespräch fand auf Englisch und Französisch statt.
Übersetzung auf Deutsch: Philine Erni
Lektorat auf Englisch: Franziska Henner
Fotos: © Maxime Ballesteros (Kampagne ZTS), Makoto C. Okubo (Honda Romance)