Common questions: Ásrún Magnúsdóttir, Egill Andrason, Salóme Júlíusdóttir (Reykjavík)
Common questions ist eine Serie von 10 Fragen an 10 Künstler*innen aus dem diesjährigen Programm des Zürcher Theater Spektakels. 10 Perspektiven, wie wir heute «Demokratie und Versammlung» denken und gestalten können. Die Antworten eröffnen persönliche, politische und künstlerische Perspektiven auf unser Zusammenleben, Öffentlichkeit, Verantwortung und die Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns.
Die ersten 10 Antworten kommen aus Reykjavík von Ásrún Magnúsdóttir sowie den Performer*innen Egill Andrason und Salóme Júlíusdóttir aus Teenage Songbook on Love and Sex.
1. Wann fühlst du dich am meisten als Teil eines «Wir»?
Ásrún Wenn ein Krankenwagen durchkommen muss und wir alle eine Rettungsgasse machen. Beim Eurovision Song Contest. Beim Boykott des Eurovision Song Contest. An Abstimmungstagen. Manchmal im Theater, bei Konzerten oder Raves. Während Covid-19 oder bei grossen Naturkatastrophen wie Erdbeben, Lawinen oder Vulkanausbrüche. An Silvester. Kurz gesagt: wenn wir alle gemeinsam in derselben Situation stecken.
Salóme Bei Demonstrationen.
Egill In einer Menschenmenge, wenn alle gemeinsam tanzen oder ein Lied singen, das jede*r kennt. Beim Singen und Tanzen fühle ich mich gleichermassen mit meiner Familie, meinen Freund*innen und auch mit Fremden verbunden.
2. Vertraust du der Mehrheit?
Ásrún Ich finde es immer schwieriger und schwieriger. Ich höre nicht die Musik, die bei den Streamingdiensten ganz oben steht. Beim Wählen «verliere» ich immer. Ich mag keine Marvel-Filme. Ich glaube nicht, dass Teneriffa ein schönes Urlaubsziel ist. Ich bin dezidiert anderer Meinung als die politische Richtung, in die Europa sich gefühlt bewegt.
Egill Die meisten von uns haben weder die Zeit noch die Informationen oder die Kapazitäten, um informierte und gute Entscheidungen zu treffen – für sich selbst und für andere. Wir wissen selten, was wirklich gut für uns ist, oder was «gut» eigentlich bedeutet. Aber wahrscheinlich ist es der ehrlichste Weg, der Mehrheit zu trauen, eine Gesellschaft zu gestalten, die ihren eigenen Interessen folgt.
3. Hast du dich jemals repräsentiert gefühlt? Und falls ja, von wem?
Egill Wo ich aufgewachsen bin, gibt es eine lokale Bewegung, die das Eyjafjörður vor stark umweltschädlicher Fischzucht in offenen Netzgehegen schützen will. Diese richtet in der umliegenden Natur und im Ökosystem grossen Schaden an – im Austausch gegen fünf bis sechs Arbeitsplätze für Einheimische und horrende Summen für einige Unternehmen. Von diesen Menschen, die aktiv versuchen, die Natur meiner Heimat zu schützen und sich gegen diese Pläne der Regierung zu wehren, fühle ich mich wirklich repräsentiert.
Salóme Beim Schulstreik von Greta Thunberg habe ich zum ersten Mal eine starke Repräsentation meiner Generation gefühlt.
4. Hältst du Demokratie für selbstverständlich – und wenn nicht, gab es einen bestimmten Wendepunkt?
Ásrún In Island – ja, dort nehme ich Demokratie schon als selbstverständlich hin. Aber wenn ich auf die Welt um mich herum blicke, beginne ich, mir etwas mehr Sorgen darum zu machen. Der Wendepunkt sind wahrscheinlich viele verschiedene Dinge: Kriege, Covid-19, das ebenfalls vieles in unserer Gesellschaft verändert hat, und Milliardäre.
Egill Die einzige Konstante ist Veränderung. In den letzten Jahren sind in europäischen Ländern und anderen westlichen Bündnissen offensichtliche Spaltungen entstanden, und das sehr sorgfältig gehegte Bild von europäischem Frieden und unschuldigem Wohlstand, das zuvor aufrechterhalten wurde, hat sich ganz offensichtlich als eine Art Trugbild entpuppt.
5. Was macht eine Begegnung wertvoll für dich?
Salóme Dass Menschen Zusammenkommen kommen wollen oder wenn sie sich für ein gemeinsames Anliegen versammeln.
Ásrún Für mich ist es bedeutungsvoll, an einem Esstisch zusammenzusitzen, an dem wir nicht alle derselben Meinung sind, aber tiefgehende und echte Gespräche führen und versuchen, einander umzustimmen.
6. Was fürchtest du, in unserer Gesellschaft zu verlieren?
Egill Ich mache mir grosse Sorgen um den Zustand der Wahrheit und um unser kollektives Selbstverständnis: Alles ist falsch und alles ist wahr. Das Unterwandern der Wahrheit ist nichts Neues, aber ich habe das Gefühl, dass es den Menschen inzwischen gar nicht mehr so wichtig ist, ob Dinge echt sind oder nicht, solange sie unterhaltsam sind (oder ihnen zumindest nicht direkt schaden). Ich glaube, wir alle brauchen dringend einen Reality-Check.
Salóme Zusammenhalt, kollektive Interessen bzw. gemeinsame Ziele, eng verbundene Gemeinschaften, die Freiheit, unser Leben kreativ zu gestalten, kritisches Denken, Kreativität, Bildung und Lesekompetenz auf vielen Ebenen sowie Wertschätzung.
7. Was ist dein Beitrag zu einer demokratischen Gesellschaft?
Ásrún In meinen Arbeiten versuche ich jene Stimmen zu verstärken, die meiner Meinung nach besser gehört werden sollten. Zum Beispiel: junge Menschen. Ich habe oft das Gefühl, dass ihre Stimme in unser demokratischen Gesellschaft, verstärkt und ernster genommen werden könnte.
Salóme Ichbeteilige mich an Diskussionen, wo immer sie aufkommen – in der Schule, mit Freund*innen, bei der Arbeit oder in der Familie –, um die grossen Fragen anzugehen und ihnen nicht aus dem Weg zu gehen, nur weil sie Konflikte auslösen könnten oder weil Politik als langweilig gilt. Gerade wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, ist es mir wichtig, solche Gespräche auf konstruktive Weise führen zu können, damit alle die verschiedenen Seiten sehen.
8. Was würde dich dazu bringen, eine Revolution zu starten?
Egill Wenn Island seiner Souveränität beraubt würde, würde ich sofort eine Revolution starten, um für unsere Freiheit zu kämpfen. Oder wenn die Regierung bzw. Grosskonzerne etwas vorantreiben würden, das das Land im Austausch für wirtschaftliches Wachstum irreparabel verschmutzt.
Salóme Ich würde gerne eine Revolution anzetteln, aber ich weiss nicht genau wogegen. Vielleicht müsste es ein sehr schwerwiegender Fall von sozialer Ungerechtigkeit in meinem unmittelbaren Umfeld sein. «Aus den Augen, aus dem Sinn» ist bei mir wahrscheinlich zu stark ausgeprägt, als dass ich eine Revolution wegen etwas beginnen würde, das auf der anderen Seite der Welt geschieht.
9. Leistest du aktiv Widerstand? Und falls ja, gibt es eine Sache, die wir alle tun sollten?
Ásrún Ich glaube, wir sollten alle versuchen, nicht so viel online zu sein. Auch ich.
Egill Sanft zu bleiben in dieser harschen Welt ist auch Widerstand.
Salóme Ich würde sagen, wir sollten alle – besonders meine Generation – Nachrichten lesen, Podcasts hören, Instagram-Seiten mit verlässlichen Quellen folgen, boykottieren, wenn nötig spenden, sofern wir können. Und recyceln.
10. Was war die letzte Nachricht, die dich glücklich gemacht hat?
Ásrún Ich habe gerade von den Arbeiter*innen gelesen, die Trumps Namen am Kennedy Center in Washington entfernt haben. Und dass die Menschen ihnen dabei zugejubelt und applaudiert haben – das hat mir ein Lächeln entlockt :)
Egill Meine Schwester hat gerade alle ihre Master-Prüfungen bestanden – das ist ziemlich cool.
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Welche Frage fehlt hier, sollte aber gestellt werden?
Salóme Wie bringen wir jüngere Generationen dazu, wählen zu gehen? Und wie können wir dagegen ankämpfen, dass Diskussionen im Internet so polarisiert und für Views und Klicks so übertrieben zugespitzt werden – und dadurch eine künstlich aufgeblähte politische Kluft entsteht?
Ásrún Wenn unser Planet morgen zerstört würde – wie würdest du deinen letzten Tag verbringen?
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Credits
Übersetzung auf Deutsch: Philine Erni
Foto: © Owen Fiene
Interview zum Thema Demokratie und Versammlung mit Helen Keller, ehemalige Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und Professorin für Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht an der Universität Zürich