Common questions: Pavol Liska (New York)
Common questions ist eine Serie von 10 Fragen an 10 Künstler*innen aus dem diesjährigen Programm des Zürcher Theater Spektakels. 10 Perspektiven, wie wir heute «Demokratie und Versammlung» denken und gestalten können. Die Antworten eröffnen persönliche, politische und künstlerische Perspektiven auf unser Zusammenleben, Öffentlichkeit, Verantwortung und die Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns.
Die 10 Antworten kommen aus New York von Pavol Liska, Mitbegründer vom Nature Theater of Oaklahoma, die mit ihrem neuen Stück Pizza or A Door in the Dark does not Dance nach Zürich kommen.
1. Vertraust du der Mehrheit?
Pavol Überhaupt nicht. Wie haben im Laufe der Geschichte immer wieder erlebt, dass sich eine Mehrheit der Bevölkerung leicht davon zu überzeugen lässt, Lügen zu glauben und verabscheuungswürdig zu handeln – im Namen derer, die gerissen genug sind, diese Mehrheit dazu zu bringen, ihren persönlichen Interessen zu dienen.
2. Hast du dich jemals repräsentiert gefühlt? Und falls ja, von wem?
Pavol Ich habe mich eigentlich nur von Einzelpersonen vertreten gefühlt – Menschen, die unsere Arbeit unterstützt und sich für sie eingesetzt haben, von den Mitgliedern unserer Kompanie und unseren Freund*innen. Aber keine Institution und keine staatliche Behörde hat uns oder das, was wir tun, jemals repräsentiert. Wir haben es geschafft zu überleben – dank persönlicher Beziehungen und der Grosszügigkeit von Menschen, die unsere Arbeit verstanden, ihren Wert erkannt und sich dafür ins Zeug gelegt haben. Aber ich habe auch nicht das Gefühl, einen Anspruch auf eine Repräsentation zu haben.
3. Hältst du Demokratie für selbstverständlich – und wenn nicht, gab es einen bestimmten Wendepunkt?
Pavol Ich glaube nicht, dass ich jemals wirklich Demokratie erlebt habe.
Geboren und aufgewachsen bin ich in der «kommunistischen» Tschechoslowakei. Ich wurde dazu gebracht, an eine bestimmte Ideologie zu glauben. Als 1989 der Eiserne Vorhang fiel, hatten wir über Nacht plötzlich «Demokratie» – doch es stellte sich heraus, dass es im Prinzip dasselbe war, nur emit anderem Personal. 1991 ging ich in die Vereinigten Staaten, die als Hort der «Demokratie» galten. Schon damals konnte ich die Bruchstellen erkennen. Und heute? «Demokratie» scheint ein Schimpfwort zu sein oder ein Witz – oder eine Maske, hinter der man sich versteckt.
4. Was macht eine Begegnung wertvoll für dich?
Pavol Wenn ich darauf vertrauen kann, dass die Begegnung das Beste aus den einzelnen Menschen, die diese Zusammenkunft bilden, hervorbringen will, anstatt alle auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu reduzieren – und wenn ich weiss, dass wir alle dort sind, weil wir mehr wollen, als wir allein für uns erreichen können, und weil wir unsere Vielschichtigkeit wirklich mitteilen und versuchen wollen, das Sinn des Lebens zu verstehen.
5. Was ist dein Beitrag zu einer demokratischen Gesellschaft?
Pavol Ich gebe mich der Arbeit, die ich mache, voll und ganz hin – ohne Hemmungen und mit Ehrlichkeit, so gut ich mich in jedem gegebenen Moment selbst kenne. Dazu gehören nicht nur meine Stärken und Tugenden, sondern auch meine Fehler, Schwächen und mein Scheitern.
6. Was fürchtest du, in unserer Gesellschaft zu verlieren?
Pavol Ich habe Angst davor, den physischen, keimbehafteten, direkten Kontakt mit meinen Mitmenschen zu verlieren. Theater ist eine schmutzige Kunstform, und ich will weiterhin gemeinsam mit anderen schmutzig werden. Interaktionen mit Bildschirmen empfinde ich nicht als inspirierend, sinnlich oder lustvoll.
7. Ist Demokratie gut für alle?
Pavol Die Welt steckt in Schwierigkeiten, fast überall herrscht Unruhe, und all das ist unter dem Schlagwort «Demokratie» geschehen – also ist sie offensichtlich nicht gut für alle. Tatsächlich scheint sie für die meisten Menschen eher schlecht zu sein.
8. Hast du jemals aufgrund einer öffentlichen Diskussion deine Meinung geändert?
Pavol Ich habe meine Meinung durch persönliche Gespräche mit einzelnen Menschen geändert, bei denen ich das Gefühl hatte, dass auch sie bereit waren, ihre Meinung zu ändern. Öffentliche Diskussionen sind dagegen meist von bestimmten Agenden geprägt, dem misstraue ich generell.
9. Was würde dich dazu bringen, eine Revolution zu starten?
Pavol Um diese Fragen so gründlich zu beantworten, wie ich es aufrichtig gerne täte, um ihnen gerecht zu werden, statt mit diesen zugegebenermassen halbgar geratenen Antworten, müsste ich Monate ernsthaften Studiums und Nachdenkens darauf verwenden, unzählige Gedankenexperimente durchführen, immer wieder überarbeiten und revidieren, ihm ebenso viel Aufmerksamkeit und Leidenschaft widmen wie all meinen Projekten, bevor ich wirklich voll hinter meinen Antworten stehen und sie verteidigen könnte.
Davon abgesehen gibt es in dieser Welt ziemlich viele Dinge, die mich ernsthaft darüber nachdenken lassen, mich selbst anzuzünden. Aber wahrscheinlich würde auch das niemand bemerken. Reizvollere Instagram-Posts würden die Erinnerung an meine Selbstverbrennung für eine von einer Milliarde kleinen Ursachen sofort auslöschen.
10. Leistest du aktiv Widerstand? Und falls ja, gibt es eine Sache, die wir alle tun sollten?
Pavol Ich versuche, die radikalste Kunst zu machen, die zugleich mit all der Kunst im Gespräch steht, die ihr vorausgegangen ist. Ich glaube an die Kunst, an ihre Wirkmacht, und daran, dass sie die köstlichste Tätigkeit ist, der Menschen sich widmen können – als Schaffender, als Betrachtender oder beides zugleich. Und ich nehme meine Verantwortung, sie mit äusserster Konsequenz zu betreiben, mich ganz für sie zu verausgaben, sehr ernst. Wir alle sollten härter arbeiten, uns auf die Schwierigkeit einlassen und sie würdigen, statt immer nur Bequemlichkeit, Leichtigkeit und Komfort zu suchen.
Und in der Öffentlichkeit sollten wir unsere Kopfhörer abnehmen und unsere Telefone wegstecken, damit wir ohne Ablenkung wahrnehmen können, was um uns herum tatsächlich geschieht.
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Welche Frage fehlt hier, sollte aber gestellt werden?
Pavol Hast du Angst, in Schwierigkeiten zu geraten, wenn du die Idee der Demokratie an sich kritisierst?
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Credits
Übersetzung auf Deutsch: Philine Erni
Foto: © Nature Theater of Oaklahoma
Common questions 1/10: Ásrún Magnúsdóttir, Egill Andrason, Salóme Júlíusdóttir (Reykjavík)
Interview zum Thema Demokratie und Versammlung mit Helen Keller, ehemalige Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und Professorin für Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht an der Universität Zürich