Common questions: Calixto Neto
Common questions ist eine Serie von 10 Fragen an 10 Künstler*innen aus dem diesjährigen Programm des Zürcher Theater Spektakels. 10 Perspektiven, wie wir heute «Demokratie und Versammlung» denken und gestalten können. Die Antworten eröffnen persönliche, politische und künstlerische Perspektiven auf unser Zusammenleben, Öffentlichkeit, Verantwortung und die Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns.
Die nächsten 10 Antworten kommen aus Paris, von Calixto Neto, der mit «Bruits Marrons» ans Zürcher Theater Spektakel zurückkehrt.
1. Wann fühlst du dich am meisten als Teil eines «Wir»?
Calixto Wenn ich nicht die einzige Person in einem Raum bin: der einzige Schwarze Mann, die einzige migrantische Person, die einzige queere Person. Ich fühle mich als Teil eines «Wir», wenn es mehr Menschen gibt, die mir ähnlich sind, aber auch dann, wenn Menschen aus anderen einzigartigen Kontexten dabei sind: geographisch (insbesondere aus dem Globalen Süden), trans Personen, nicht-binäre Personen, dicke Menschen usw.
Ich bin ein grosser Bewunderer der Idee des «Quilombo», also autonomer Gemeinschaften versklavter Menschen, die der Zwangsarbeit entkommen sind. Ich lasse mich von diesen Gemeinschaften inspirieren, um mir vorzustellen, dass wir heute Orte schaffen können, an denen wir in einem Zustand echten und sicheren Miteinanders mit Menschen existieren können, die die Welt auf ähnliche Weise wie wir erleben – in Freude und vor allem im Leid. Das bedeutet nicht, dass wir uns von einem umfassenderen «Wir» absondern, sondern vielmehr eine Stärkung, wie sie nur Gemeinschaft und Kollektivität ermöglichen können.
2. Vertraust du der Mehrheit?
Calixto In verschiedenen Momenten unserer Geschichte mussten Minderheiten vor Mehrheiten geschützt werden, damit sie nicht ausgelöscht wurden. Bis heute ist die Entmenschlichung bestimmter Minderheitengruppen Realität. Ausserdem ging der Schutz von Minderheiten nie aus friedlichen Forderungen hervor, oder plötzlichen Erkenntnissen innerhalb der Mehrheit und/oder der herrschenden Klassen. Veränderung entsteht immer durch lange und gewaltsame Kämpfe; diese enden nicht, wenn die Rechte erkämpft wurden, die es der Mehrheit ermöglichen, mit Minderheiten zusammenzuleben (mit Ausnahme der faschistischen Minderheit – mit dieser ist ein Zusammenleben nicht möglich!).
Angesichts der gegenwärtigen Lage, in der die Massenkommunikation einen grossen Teil der öffentlichen Meinung weltweit im Interesse einiger weniger Milliardäre manipuliert, ist es schwierig, der sogenannten Mehrheit nicht mit einem gewissen Misstrauen zu begegnen. Besonders dann, wenn diese Mehrheit beschliesst, Ideen zu unterstützen, die der blossen Existenz einer bestimmten Gruppe von Menschen entgegenstehen.
3. Hast du dich jemals repräsentiert gefühlt? Und falls ja, von wem?
Calixto Immer wieder! Durch Politiker*innen, Künstler*innen, Schriftsteller*innen, Aktivist*innen usw. Durch Menschen (und Kollektive), die sich irgendwann gegen Ungerechtigkeiten aufgelehnt haben, einen Raum eingenommen haben, den sie eigentlich nicht hätten einnehmen dürfen, die hegemoniale Norm infrage gestellt, sich der Ausübung von Gewalt gegen widerständige Körper entgegengestellt und ihren eigenen Körper aufs Spiel gesetzt haben – sei es auf der Bühne oder auf der Strasse.
4. Hältst du Demokratie für selbstverständlich – und wenn nicht, gab es einen bestimmten Wendepunkt?
Calixto Ich komme aus Brasilien, das vier Jahre lang unter einer rechtsextremen Regierung gelitten hat und es vor vier Jahren geschafft hat, diese abzuwählen. Heute sind wir demokratischer, als wir es vor fünf Jahren waren, aber sobald die extreme Rechte einmal Macht erlangt, ist der Schaden schnell und tiefgreifend.
Neulich habe ich in einem Podcast gehört, dass derzeit nur etwa 6 % der Weltbevölkerung unter dem leben, was wir als vollständige Demokratie bezeichnen können. Und unabhängig davon, wie demokratisch eine Demokratie sei, steht sie unter Angriff. und wird von innen heraus ausgehöhlt; in einer Art Faschismus 2.0, der das demokratische System nutzt, um sich an der Macht zu etablieren und anschliessend schrittweise die Institutionen zu zerstören, die diese Demokratie tragen.
Es scheint, als würden wir in eine Art «Hunger Games» zwischen Nationalstaaten erleben, die am Rande des Klimakollapses stehen – ein Wettkampf darum, welcher Staat die anderen unterwerfen und das Ende der Welt überleben wird. Wir befinden uns mitten im Auge des Hurrikans, und alles ist klar, schwarz und weiss, wie wir in Brasilien sagen.
Aber wie wir in Brasilien ebenfalls sagen: Solange es Bambus gibt, gibt es Pfeile.
5. Was fürchtest du, in unserer Gesellschaft zu verlieren?
Calixto Freiheit, die Fähigkeit, sich zu empören, und die Fähigkeit zu träumen.
6. Was ist dein Beitrag zu einer demokratischen Gesellschaft?
Calixto Ich versuche, Räume zu öffnen, die mir oder Menschen wie mir nicht von vornherein offenstehen. Ich versuche, diese Räume zu besetzen, indem ich eine Beziehungsethik in die Praxis umsetze, bei der das Wohlergehen der Menschen im Vordergrund steht. Und sobald ich mich in diesen Räumen befinde, kämpfe ich dafür, dort zu bleiben, wo ich bin, und – was ebenso wichtig oder sogar noch wichtiger ist – Menschen in diese Räume zu holen, die mir ähnlich sind oder deren Andersartigkeit der meinen nahekommt.
7. Hast du jemals aufgrund einer öffentlichen Diskussion deine Meinung geändert?
Calixto Ja, schon oft. Wenn eine Diskussion ehrlich geführt wird, ist es wichtig, offen für Veränderungen zu bleiben.
8. Was würde dich dazu bringen, eine Revolution zu starten?
Calixto Ich bin alt genug, um zu erkennen, dass ich selbst keine Revolution anzetteln werde. Ich bin kein Initiator. Aber ich bin jemand, der den Lehren derer Beachtung schenkt, die vor mir kamen und um ihre Existenz kämpfen mussten, die so viele Revolutionen ins Leben gerufen haben. Und die den Lauf der Geschichte so oft verändert haben. Ich weiss, dass jeder seine Rolle in Revolutionen hatte. Und in diesem Sinne fühle ich mich als Teil eines Mechanismus, dessen Zweck Veränderung und Transformation ist.
Und ich weiß auch, dass Revolution auf der Mikroebene stattfinden kann – durch Überlebensstrategien, bei denen sich einige (oder viele) Menschen versammeln, Freude und Lachen teilen, gemeinsam essen und sich körperlich bewegen. Alles, was es uns ermöglicht, zusammen zu sein – klar, gesund und fröhlich. Das ist bereits ein guter Anfang.
9. Leistest du aktiv Widerstand? Und falls ja, gibt es eine Sache, die wir alle tun sollten?
Calixto Vielleicht sollten wir anfangen, über Kommunikation jenseits der sozialen Medien nachzudenken. Wie können wir die Kommunikationsmittel in die eigene Hand nehmen, damit sie uns nicht alle versklaven (mehr als sie es ohnehin schon tun)? Und über die kleinen Dinge nachdenken, die kleinen Gesten, darüber, was möglich ist, aber auch darüber, was beständig und sicher ist.
Ich denke, wir sollten Widerstand so betrachten, wie Angela Davis Freiheit versteht: als einen ständigen Kampf.
10. Was war die letzte Nachricht, die dich glücklich gemacht hat?
Calixto Manchmal ist es gut, auf die großen Dinge zu achten, wie zum Beispiel Nachrichten über Fortschritte in der Krebsbehandlung, die gross angelegte Legalisierung von Migranten auf spanischem Staatsgebiet oder die Präsenz von Erika Hilton (einer Transgender-Abgeordneten) in der brasilianischen Politik.
Aber ich versuche auch, mich auf die kleinen Dinge zu konzentrieren. Einfache Neuigkeiten machen mich glücklich, wie zum Beispiel der bevorstehende 70. Geburtstag meiner Mutter, die Schwangerschaftsankündigung meiner Freundin und Arbeitskollegin, eine weitere Freundin, die beschlossen hat, in unsere Heimatstadt zurückzukehren und zu versuchen, das Leben der Menschen dort positiv zu beeinflussen, sowie eine weitere Freundin, die sich endlich ihrer Geschlechtsangleichungsoperation unterziehen wird (übrigens könnt ihr alle dazu beitragen, dass diese frohe Nachricht Wirklichkeit wird, indem ihr sie hier unterstützt).
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Welche Frage fehlt hier, sollte aber gestellt werden?
Calixto Was ist der Raum für Träume?
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Credits
Übersetzung auf Deutsch: Philine Erni
Foto: © Carolina Oliveira
Common questions 1/10: Ásrún Magnúsdóttir, Egill Andrason, Salóme Júlíusdóttir (Reykjavík)
Common questions 2/10: Pavel Liska (New York)
Common questions 3/10: Jamila Baioia (Lausanne)
Common questions 4/10: Tamara Cubas (Montevideo)
Common questions 5/10: Jane Mumford (Zürich)
Common questions 6/10: Jason Stanley (Toronto)
Interview zum Thema Demokratie und Versammlung mit Helen Keller, ehemalige Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und Professorin für Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht an der Universität Zürich