Common questions: Abed Kobeissy
Common questions ist eine Serie von 10 Fragen an 10 Künstler*innen aus dem diesjährigen Programm des Zürcher Theater Spektakels. 10 Perspektiven, wie wir heute «Demokratie und Versammlung» denken und gestalten können. Die Antworten eröffnen persönliche, politische und künstlerische Perspektiven auf unser Zusammenleben, Öffentlichkeit, Verantwortung und die Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns.
Die nächsten 10 Antworten kommen aus Beirut, von Abed Kobeissy, der gemeinsam mit Stephanie Kayal den ZKB Förderpreis 2026 gewonnen hat für ihre Sci-Fi-Performance Galactic Crush 2: Into the Cold.
1. Wann fühlst du dich am meisten als Teil eines «Wir»?
Abed Als Performance-Künstler*innen erleben wir dies, wenn wir Arbeiten produzieren und/oder präsentieren. Erfolge und Misserfolge sind in der Regel das Ergebnis eines «Wir». Das spüren wir sehr stark. Wir wählen unsere Kolleg*innen sehr sorgfältig aus, und oft werden wir praktisch zu einer Familie.
Als jemand, der in Beirut lebt, habe ich dieses intensive und zutiefst schmerzhafte Gefühl eines «Wir» in drei verschiedenen Momenten besonders stark erlebt:
- Von September 2024 bis Mai 2026, als die Strassen von Beirut von der israelischen Marine und Luftwaffe bombardiert wurden. Es war ein Gefühl völliger Verbundenheit. Das Gefühl der Einheit mit Fremden, mit denen man dasselbe Risiko von Tod oder Verletzung teilt, wird durch das Gefühl der Einsamkeit, das einen mit diesen Fremden verbindet, noch verstärkt und intensiviert. «Wir» wurden von der sogenannten «internationalen Gemeinschaft» im Stich gelassen und sahen uns mit international geächteten Phosphorgranaten und -geschossen konfrontiert.
- Im August 2020, als die Explosion im Hafen von Beirut grosse Teile der Stadt verwüstete und Menschen aus dem ganzen Land herbeiströmten, um die Häuser und Geschäfte von Fremden wieder aufzubauen – ohne jegliche Hilfe des Staates, der neun Monate zuvor zahlungsunfähig geworden war.
- Im Oktober 2019, als die Massenproteste begannen und über Monate hinweg zu gewaltsamen Zusammenstössen mit Polizei und Sicherheitskräften führten. Eine wirklich einzigartige Phase in der modernen Geschichte der Länder von Bilād al-Shām.
2. Vertraust du der Mehrheit?
Abed Auf keinen Fall. Aber wir sind zutiefst davon überzeugt, dass eine gesunde Gesellschaft Fehlentwicklungen, für die sich die Mehrheit möglicherweise entscheidet, aus eigener Kraft korrigieren wird.
3. Hältst du Demokratie für selbstverständlich – und wenn nicht, gab es einen bestimmten Wendepunkt?
Abed Demokratie ist ein theoretischer Begriff und hat viele Implikationen: Sie kann in unterschiedlichem Masse existieren, sie kann zeitlich begrenzt sein und sie kann verschiedene Formen annehmen. Ich glaube, solange wir sie als etwas Eindeutiges betrachten, wird es weiterhin Invasionen geben, um ein Land für die Demokratie zu retten.
Viele waren überrascht, als Iraker*innen sich nach dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein wünschten, die Diktatur wäre noch intakt, statt ihrer derzeitigen, demokratisch gewählten Regierung. Ich bin mir sicher, dass sie die Demokratie nicht selbstverständlich betrachten, insbesondere jene Generationen, die sowohl die Diktatur als auch die Demokratie erlebt haben. Aber ich glaube, dass wir die wohlwollenden Absichten Demokratie manchmal als selbstverständlich voraussetzen.
4. Was fürchtest du, in unserer Gesellschaft zu verlieren?
Abed Angst und Verlust hat sich in den letzten Jahren an den andauernden Ereignissen erschöpft: den täglichen Luftangriffen, der systematischen Säuberung des gesamten Gebiets südlich der Stadt Saida, über eine Million Geflüchtete, Drohnenangriffe auf Zivilist*innen auf Autobahnen, der Zerstörung von allem südlich des Litani-Flusses, die Vergiftung von Trinkwasserbrunnen mit flüssigem Ammoniumnitrat sowie von Ackerland mit weissem und rotem Phosphor, usw.
Dies führt natürlich dazu, dass die Menschen auch immer mehr alltägliche Ängste entwickeln: den Zusammenbruch staatlicher Dienstleistungen, den Verlust der individuellen Kaufkraft. Wenn das so weitergeht, werden wir als Nächstes den inneren Frieden verlieren. Mehr als eine Million Geflüchtete in einem Land mit fünf Millionen Menschen werden zu sozialen Unruhen und gewaltsamen Zusammenstössen führen und damit zu einer Situation, in der wir gleichzeitig einen Krieg mit einem äusseren Feind und bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen lokalen Fraktionen haben.
Aber das ist die Angst von morgen. Im Moment haben wir einfach nur Angst davor, den Süden des Libanon zu verlieren, aus dem Steph und ich beide stammen. Ich bin in den Dörfern rund um Nabatiyeh aufgewachsen.
5. Was ist dein Beitrag zu einer demokratischen Gesellschaft?
Abed Wir haben unsere Rechte wahrgenommen: zu protestieren, zu versuchen, unfähige Regierungen abzusetzen, zu wählen und als Künstler*innen unsere Meinungsfreiheit auszuüben.
Allerdings wurde das politische System seit der Gründung des Staates Libanon unter französischem Mandat nach dem Ersten Weltkrieg so konzipiert, dass es in Bezug auf die Repräsentation zum Scheitern verurteilt ist. Die Demokratie im Libanon war schon immer das Instrument, mit dem das oberste 1 % die 99 % kontrollierte. Der Libanon ist eine demokratische Gesellschaft, in der die Mehrheit gegen ihre eigenen Interessen stimmt, um weiterhin besondere (und dringend benötigte) Leistungen von dem feudalen herrschenden 1 % zu erhalten.
6. Ist Demokratie gut für alle?
Abed Jede Gesellschaft sollte ihre eigene Form finden, die ihrem eigenen Wesen entspricht, und ihren eigenen Weg.
Aber nicht nur der Begriff «Demokratie» ist wandelbar, der Begriff «alle» ist noch viel umstrittener. Bedeutet «alle» jede*n Staatsbürger*in? Oder alle Einwohnenden und Staatsbürger*innen? Einwohnende, Staatsbürger*innen und Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus? Schliesst «alle» auch Besuch mit ein?
7. Hast du jemals aufgrund einer öffentlichen Diskussion deine Meinung geändert?
Abed Viele, viele Male.
8. Was würde dich dazu bringen, eine Revolution zu starten?
Abed Ich denke, alle Revolutionen waren der absolut letzte Ausweg. Revolutionen sind schmutzig, blutig und gewalttätig, aber man entscheidet sich für sie, weil es keine bessere Option nach vorne gab.
9. Leistest du aktiv Widerstand? Und falls ja, gibt es eine Sache, die wir alle tun sollten?
Abed Wir werden von der israelischen Armee und ihren Verbündeten angegriffen, was auch immer jemand in dieser Hinsicht beitragen kann, würde dazu beitragen, Leben zu retten.
10. Was war die letzte Nachricht, die dich glücklich gemacht hat?
Abed Wir haben den ZKB Förderpreis gewonnen!!
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Credits
Übersetzung auf Deutsch: Philine Erni
Foto: © Kira Kynd
Common questions 1/10: Ásrún Magnúsdóttir, Egill Andrason, Salóme Júlíusdóttir (Reykjavík)
Common questions 2/10: Pavel Liska (New York)
Common questions 3/10: Jamila Baioia (Lausanne)
Common questions 4/10: Tamara Cubas (Montevideo)
Common questions 5/10: Jane Mumford (Zürich)
Common questions 6/10: Jason Stanley (Toronto)
Common questions 7/10: Calixto Neto (Paris)
Interview zum Thema Demokratie und Versammlung mit Helen Keller, ehemalige Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und Professorin für Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht an der Universität Zürich