Common questions: Sibylle Peters
Common questions ist eine Serie von 10 Fragen an 10 Künstler*innen aus dem diesjährigen Programm des Zürcher Theater Spektakels. 10 Perspektiven, wie wir heute «Demokratie und Versammlung» denken und gestalten können. Die Antworten eröffnen persönliche, politische und künstlerische Perspektiven auf unser Zusammenleben, Öffentlichkeit, Verantwortung und die Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns.
Die nächsten 10 Antworten kommen aus Hamburg, von Sibylle Peters, die mit dem Fundus Theater «Grosse Gefühle» gezeigt hat - keine klassische Theateraufführung, sondern eine verspielte Versammlung mit echtem Erkenntnisgewinn.
1. Wann fühlst du dich am meisten als Teil eines «Wir»?
Sibylle Bei der Arbeit. Theater ist eine kollektive Kunstform. Das FUNDUS THEATER I Forschungstheater, das Künstler*innenkollektiv geheimagentur und spezifische Projektteams - hier bin ich Teil eines Wir, ohne das Theater und Performance nicht möglich wären. Und wenn es gut läuft, wird das Publikum in gewisser Weise ein Teil davon. (Und da frage ich mich gleich: Soll eigentlich ich diese Fragen beantworten, oder sollten wir das tun?)
2. Hast du dich jemals repräsentiert gefühlt? Und falls ja, von wem?
Sibylle Sehr selten. Ich verstehe mich als Mitglied der Bewegung der Vielen (Real Democracy), die die politische Repräsentation der Vielen durch die Wenigen grundsätzlich in Frage stellt.
3. Hältst du Demokratie für selbstverständlich – und wenn nicht, gab es einen bestimmten Wendepunkt?
Sibylle Nein. Demokratie ist nie selbstverständlich und muss immer weiter erkämpft und erarbeitet werden. Deshalb ist es so gefährlich, wenn Demokratie in die Defensive gerät. Demokratie muss nach vorne verteidigt werden.
4. Was macht eine Begegnung wertvoll für dich?
Sibylle Wenn sich darin potentiell ein Wir konstituiert, das neu und überraschend ist. In den Versammlungen, die ich künstlerisch gestalte, geht es oft um ein unwahrscheinliches Wir, das die Anwesenden in unerwarteter Weise adressiert und einlädt, neue Subjektpositionen in der Rolle der Wissenden und Wichtigen zu besetzen, das Mitglieder miteinschließt, die vorher keine Rolle gespielt haben - Kinder, Tiere, etc.
5. Was fürchtest du, in unserer Gesellschaft zu verlieren?
Sibylle Den Frieden. Ohne Frieden ist es mit der Demokratie auch schnell vorbei. In Hamburg hat gerade die erste «Übung für den Ernstfall» stattgefunden - das macht mir Angst.
6. Was ist dein Beitrag zu einer demokratischen Gesellschaft?
Sibylle Ich stelle Kunst als Ort und Ressource kollektiver Experimente zur Verfügung, in denen wir herausfinden können, wie wir (anders) leben möchten. Ich setze mich für dekoloniale und queer-feministische Politiken ein. Ich kämpfe für die Umsetzung des Kinderrechts auf Beteiligung. All das begreife ich aktuell auch als anti-faschistische Politik.
7. Ist Demokratie gut für alle?
Sibylle Schön wärs. Die existierende Demokratie, deren Teil ich bin, definiert «alle» als erwachsene Menschen mit deutschem Pass. Das ist für mich keine gute Definition von «alle».
8. Was würde dich dazu bringen, eine Revolution zu starten?
Sibylle Ich warte eigentlich nur darauf «critical mass» zu werden und endlich loszulegen. Mir gefallen kleine Revolutionen oft besser als grosse: Die Schule besetzen, den eigenen Betrieb übernehmen, die Kunstform revolutionieren, den Stadtteil organisieren…
9. Leistest du aktiv Widerstand? Und falls ja, gibt es eine Sache, die wir alle tun sollten?
Sibylle Ich leiste aktiv Widerstand gegen rassistische Polizeigewalt. Wir sollten von Minnesotas Kampf gegen ICE lernen und endlich realisieren, dass ICE täglich auch in Europa stattfindet.
10. Was war die letzte Nachricht, die dich glücklich gemacht hat?
Sibylle Gestern im Regionalradio: Die Stadt Lübeck wird von Waschbären überrannt. 600 wurden bereits festgenommen, kein Ende in Sicht. Ach ja, und die Linke hat Berlin gewonnen, auch schön.
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Credits
Foto: © Kira Kynd
Common questions 1/10: Ásrún Magnúsdóttir, Egill Andrason, Salóme Júlíusdóttir (Reykjavík)
Common questions 2/10: Pavel Liska (New York)
Common questions 3/10: Jamila Baioia (Lausanne)
Common questions 4/10: Tamara Cubas (Montevideo)
Common questions 5/10: Jane Mumford (Zürich)
Common questions 6/10: Jason Stanley (Toronto)
Common questions 7/10: Calixto Neto (Paris)
Common questions 8/10: Abed Kobeissy (Beirut)
Common questions 9/10: Stéphanie Mwamba (Goma)
Interview zum Thema Demokratie und Versammlung mit Helen Keller, ehemalige Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und Professorin für Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht an der Universität Zürich